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Wen soll ich senden?
Wer wird für uns gehen? (Jes 6, 8)

Michelangelo: Fresko von 1509 in der Cappella Sistina im Vatikan.

Das Jesajabuch gehört zu den großen prophetischen Schriften des AT. In seiner heutigen Form liegt es seit dem 2. Jahrhundert vor Christus vor und enthält Schriften von vermutlich drei Verfassern, die des Jesaja, einem Propheten des 8. Jahrhunderts (Kapitel 1 - 39), dann die des Deutrojesaja, dem 2. Jesaja, der im 6. Jahrhundert gegen Ende des babylonischen Exils schrieb (Kapitel 31 - 55) und die des 3. Jesaja, Tritrojesaja, aus etwa der gleichen Zeit (Kapitel 56 - 66). Diese Männer stehen in der großen Linie der prophetischen Verkündigung, die, in vielen Kulturen vorkommend, den Glauben Israels maßgeblich prägte, aufrüttelnd, mahnend, die Wirklichkeit deutend, weitsichtig, tröstend, wegweisend. Propheten sind wache, glühende Menschen, von Gottes Wahrheit gepackt, leidenschaftliche Zeugen im Dienst des Lebens.

In Kapitel 6 dieses Bibelbuches lesen wir von der Berufung des Jesaja. Eines Tages geht ihm die Größe und Heiligkeit des lebendigen Gottes auf, und ein heiliger Schrecken fährt ihm in die Glieder. Auf sich selbst sehend, all das Unheilige und Unheile da, fühlt er sich verloren. Doch dann erlebt er glühend, wie er ganz von Gott angenommen ist. Und als er Gottes Stimme rufen hört: "Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen?", antwortet Jesaja: "Hier bin ich. Sende mich."
Berufung ist ein Sich - Ergreifenlassen, ein Sich - in - Dienst - nehmen - lassen, ist eine Sendung ins konkrete Leben aufgrund von etwas, das wir groß erfahren und in das wir eingewilligt haben. In den Erzählungen der Chassidim, die Martin Buber gesammelt hat, begegnet in einer des Nachts der Rabbi Naftali von Ropschitz einem Wächter, der seine Runde geht. Der Rabbi fragt ihn: "Für wen gehst du?" Der sagt es ihm und fragt dann zurück: "Und für wen geht ihr, Rabbi?" Der Rabbi ist von dieser Frage so getroffen, dass er den Wächter bittet, den bisherigen Dienst aufzugeben und in seinen Dienst zu treten. Auf die Frage, was er denn tun solle, antwortet er ihm: "Mich erinnern:"

Und du, für wen gehst du? Und ich, für wen geh ich? Wir alle sind auf den vielen Wegen durch die Tage so schnell vergesslich und ablenkbar. Manch einer mag denken, er wüsste die Antwort auf die Frage selbst nicht mehr. Aber was in uns lebendig ist, weiß die Antwort schon, vielleicht nicht mit Worten, vielleicht nicht umfassend, aber tatsächlich doch, praktisch, als Reaktion von Sinn und Herz und Haut. Er ist nicht so schwer, dem auf die Spur zu kommen. Fragen wir uns selbst.

Für wen geh ich? Wer sendet mich?
Von wem lass ich mich schicken? Von wem treiben oder sogar durchs Leben jagen?
Was drängt mich? Worin hab ich eingewilligt, - laut oder stillschweigend?
Welchen inneren und äußeren Stimmen hör ich zu?
Welchen gebe ich Antwort durch das, was ich tu? Durch das was ich lasse? Durch das was ich sage? Durch das was ich verschweige?
Wenn ich das so wahrnehme und nachdenke:
Wem dient dann, was ich tue? Für wen gehe ich? Und von wem will ich mich denn senden lassen?

Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht? (Jes 55,2)

Es ist nicht zu übersehen, wenn wir kaufen können und kaufen, blüht die Volkswirtschaft, wenn nicht, wird sie krank. Lahmt der Handel, stagnieren die Investitionen, kollabiert leicht das ganze System. In weiten Bereichen beherrschen Markt und Wirtschaft unser Leben. - Die Regale sind voll. Wir haben die Wahl. Nicht nur die Wahl zwischen 40 Sorten Käse, Obstsorten und Weinen aus aller Welt, - die auch. Wir haben hierzulande nicht nur die Wahl. Wir müssen auch ständig wählen. Oft haben wir die Qual der Wahl in nie da gewesener Menge. Ständig sind wir umworben von Herstellern, Versicherern und sonst wem. Irgendwie sind wir viel umworbener, als es menschlich zu uns passt. Wir sind potentielle Kunden. Hilflos und ohnmächtig in so Vielem, sind wir als Kunden Potentaten, mächtig umworben und potentiell mächtig.
Aber oft haben wir uns so sehr auf die Spiele des Marktes eingelassen, dass, wer mit uns spielt, werbend, schmeichelnd, lockend, oft ein erschreckend leichtes Spiel mit uns hat. Die Sache an sich ist dabei nicht neu.

Zu denen, die um den Menschen werben, gehört auch Gott. Die Texte der Bibel sprechen oft davon. Da heißt es im Buch des Propheten Jesaja, einem Text vor über 2500 Jahren entstanden in der Endzeit des babylonischen Exils: "Auf, ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser! Auch wer kein Geld hat, soll kommen. Kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld, kauft Wein und Milch ohne Bezahlung. Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht? Hört auf mich, dann bekommt ihr das Beste zu essen... Neigt euer Ohr mir zu und kommt zu mir, hört, dann werdet ihr leben" (Jes 55, 1 - 3).
In der Ordensregel Benedikt von Nursias aus (6. Jh. N. Chr.) heißt in einer ähnlichen Geisteshaltung: "Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?" Wenn du das hörst und antwortest: "Ich", dann sagt Gott zu dir: "Willst du wahres und unvergängliches Leben gewinnen, bewahre deine Zunge vor Bösem! Mei-de das Böse und tu das Gute, suche Frieden und jage ihm nach" (Prolog 15 - 17).Man kann kommentieren: alles hat seinen Preis. Mehr noch als Geld investieren wir Leben, so oder so. Wir sollten uns fragen: in was? Denn die Konsequenzen unserer Wahl holen uns ein, schneller als wir denken.

Humorvoll sagte Papst Johannes Paul I. das in einer Ansprache. "Einmal wollte einer ein Auto kaufen. Der Händler redete auf den Mann ein: ‚Schauen Sie, welche Leistung dieser Wagen bringt. Sie müssen ihn gut behandeln: Super in den Tank, und gutes Öl fürs Getriebe.' Der andere aber entgegnete: ‚Ich kann weder Benzin noch Öl riechen. In den Tank werde ich Sekt gießen und das Getirebe werde ich mit Marmelade schmieren.' Darauf sagte der Händler: 'Machen sie, was Sie wollen. Aber beschweren Sie sich nicht, wenn Sie mit Ihrem Wagen im Graben landen.'"

Wir haben die Wahl, ob wir wollen oder nicht. Wir müssen uns wirklich immer wieder fragen: bei dem, was ich mir gönne, was ich mir leiste: Was kauf ich? Und warum das? Für welchen Preis? Und wer zahlt den? Was handele ich mir da ein? Und ist es das wert? Ist es mir das wert?

 
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