| Zum Nachdenken |
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Kind, wie konntest du uns das antun? (Lk 2,48) |
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Frage findet sich im letzten Abschnitt der Kindheitsgeschichte Jesu im Lukasevangelium.
Dem Brauch entsprechend hatten die Eltern den zwölfjährigen Jesus
mitgenommen auf die jährliche Pilgerfahrt nach Jerusalem. Vorm Heimweg
hatte er sich abgesetzt und war dort geblieben, im Tempel. Drei Tage lang
suchten sie ihn, fanden ihn schließlich dort mitten unter den Lehrern,
denen er zuhörte und Fragen stellten. Ihre Erschöpfung und Betroffenheit
sind leicht vorstellbar. Da bricht aus Maria die Frage hervor: "Kind,
wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst
gesucht." Wie oft haben Eltern auf dieser Erde das gefragt: Wie konntest du uns das antun? Wie oft haben Kinder das Vater oder Mutter gefragt: Wie konntest du mir das antun? Wie oft haben Liebende oder Freunde einander das gefragt: Wie konntest du mir das antun? Um was es im Einzelnen dabei auch gehen mag, da steht Not dahinter, blankes Leid. Und irgendwie wird es nach einer solchen Frage nicht mehr sein wie vorher. Ich bin noch keinem Menschen begegnet, der sich in seinem Leben nicht irgendwann, irgendwie mit Schrecken und Schmerz vor diese Frage gestellt sah. Manche haben sie allerdings nie ausgesprochen. Maria fragt sie. Nicht als ob sie die Antwort, die Jesus ihr gibt, verstehen würde. Das Verstehbare bleibt bei ihr wie bei uns allen oft weit hinter dem Schmerz zurück. Es heißt: "Doch sie (die Eltern) verstanden nicht, was er (Jesus) damit sagen wollte." Viel
Unverstandenes steht zwischen Menschen, wie eng sie auch aufeinander bezogen
sind. Das kann einer ignorieren, wegtun kann das keiner. Das will ausgehalten
und durchgetragen sein. Aber in existentiellen Nöten fragen wir nicht
zuerst, weil es eine Antwort gibt, sondern weil sich uns die Frage stellt
und fordert. Es ist gut, die Frage zu stellen, ihr zu folgen durch das
Dickicht der damit verbundenen Schmerzen, auch wenn die Antwort auszubleiben
scheint, oder wir sie nicht verstehen.
Maria
fragt, gibt der schmerzlichen Frage Raum und ihren Atem, auch dem Klang
der Bitterkeit, die darin nachhallt. Die verheimlichte, verschluckte Frage
dagegen hätte sich in ihrem Leben in ein Knäuel von Groll verwandelt.
Gift fürs Leben. Es gilt, durch die Frage hindurchzugehen, ehrlich,
irgendwie barfüßig und verletzt. Wichtiger als die erhaltenen
Antwort ist die überstandene, überwundene Bitterkeit. Das ist
ja eine Antwort eigener Art, eine andere Antwort als die, nach der wir
in unserm Schmerz vielleicht gefragt haben. Ich glaube, nur wer betend
geht, kann dorthin finden. "Warum hast du das getan?" Wo in
meinem Leben war ich vor diese Frage gestellt? Bin ich ihr ausgewichen,
weil ich Angst hatte, es nicht zu ertragen? Bin ich ihr begegnet? Wie
denn? Bin ich verstummt? Bin ich laut geworden? Hab ich angeklagt? Nur
angeklagt? Hab ich gefragt? Wirklich gefragt, unabhängig von der
Antwort? |
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